Im Gespräch mit Angelika Epple – Globalisierung neu denken: Zwischen Konvergenz und Divergenz

11. Februar 2026 5 Min. Lesezeit

Die Globalisierung ist zu Ende – so lautet eine verbreitete Diagnose angesichts weltweiter Fragmentierungstendenzen. Doch stimmt das? Angelika Epple, Historikerin und Rektorin der Universität Bielefeld, widerspricht dieser These entschieden. In ihrer neuen Publikation Globalisierung neu denken entwickelt sie einen Ansatz, der die Komplexität globaler Prozesse empirisch greifbar macht, ohne deren Widersprüchlichkeit zu nivellieren. Im Gespräch erläutert sie, warum etablierte Ansätze der Globalgeschichte an ihre Grenzen stoßen und welche Herausforderungen auf künftige Historikerinnen und Historiker warten. 

 

Ihr Buch trägt den Titel Globale Mikrogeschichte als Methode. In welchen konkreten Forschungskontexten sollte dieser Ansatz als Methode angewendet werden?

Es ist ein Angebot – in keiner Weise die Überzeugung, dass dies die einzig richtige Art wäre, Globalgeschichte zu betreiben. Es ist ein Angebot, wie es tatsächlich gelingen kann, die Globalisierung mit ihrem Prozesscharakter so in den Blick zu nehmen, dass gegenläufige Tendenzen sichtbar werden. In Bachelorarbeiten, Masterarbeiten, anderen Studien, auch in groß angelegten Projekten kann es mit dieser Methode gelingen, an klar umschriebenen Gegenständen Globalgeschichte empirisch erfahrbar und erzählbar zu machen.

 

Was war Ihre persönliche Motivation, diese Publikation zu verfassen?

Globalisierung wird häufig als ein Prozess verstanden, der beschreibt, wie die Welt sich zunehmend angleicht. Legt man ein solches Verständnis von Globalisierung zugrunde, kann man natürlich leicht sagen: Schaut euch die Welt an – wir entwickeln uns doch eher auseinander. Globalisierung ist zu einem Ende gekommen. Ich versuche zu zeigen, dass genau das Gegenteil richtig ist. Globalisierung hat in sich selbst eine Dynamik, die sowohl Konvergenz als auch Divergenz hervorruft. Diese Dynamik sichtbar und erforschbar zu machen, das ist das Anliegen dieses Buches.

 

Worin liegen die Herausforderungen bei der Erforschung der Globalisierung im Allgemeinen?

Die Globalgeschichte, und die Globalisierungsgeschichte ist eine Unterabteilung der Globalgeschichte, hat das Problem, dass sie auf einer sehr hohen Abstraktionsebene über Geschichte spricht. Geschichte wird aber erst dann interessant, wenn sie empirisch erforscht ist und Menschen in den Vordergrund stellt. Deshalb nenne ich dieses Konzept globale Mikrogeschichte. Die Mikrogeschichte ist dafür bekannt, dass sie akteurszentriert nach gemeinsamen, sozial geteilten Praktiken fragt. Sie ermöglicht es uns, die globale Ebene zu erreichen und Globalgeschichte empirisch gesättigt zu schreiben.

 

Könnten Sie bitte das Konzept der Globalen Mikrogeschichte näher erläutern?

Die Idee ist genau dieses Spannungsverhältnis: Globalgeschichte funktioniert sehr häufig nur auf der Ebene abstrakter Entitäten. Auf der anderen Seite haben wir Menschen, die die Geschichte machen. Beides zusammenzubringen – das ist der Kern des Konzepts.

 

Inwiefern ist dieses Konzept notwendig, obwohl bereits etablierte Ansätze wie Mikrogeschichte und Globalgeschichte existieren?

Das theoretische Konzept dahinter, wie wir von der Mikroebene zur globalen Ebene kommen, ist wirklich defizitär. Das Buch ist eigentlich nur ein Vorschlag, ein Beitrag zu einer Diskussion. Es ist noch sehr viel weitere Forschung notwendig, wie es gelingen kann, diesen riesengroßen Gap zwischen der Mikroebene und der maximalen Makroebene so zu schließen, dass es auch theoretisch ein sinnvolles Ganzes ergibt.

 

Inwiefern kann der Fokus auf individuelle Akteure und deren Handlungen dazu beitragen, ein differenzierteres Bild der Globalisierung zu zeichnen?

Wenn wir uns auf der Ebene der einzelnen Handlungen bewegen und untersuchen, wie diese sich zu sozial geteilten Praktiken formieren, sehen wir die unglaubliche Heterogenität von dem, was Menschen damit verbinden, wenn sie etwas tun. Auf der Ebene der sozial geteilten Praktiken verschwindet diese Heterogenität schon bis zu einem gewissen Grad. Sie bleibt aber im Vergleich zur nächsten Aggregatsebene, der Praxisformation, immer noch erhalten. Das Ziel der globalen Mikrogeschichte muss es sein, die Heterogenität von Entwicklungen, Handlungen und Praktiken auch auf der höchsten Ebene, der globalgeschichtlichen Ebene, zu erhalten und nicht zu übertünchen. Sonst führt das dazu, dass wir nur noch eine einzelne Geschichte haben – eine Vereinfachung, die den Ansprüchen an eine Globalisierungsgeschichte, die Heterogenitäten hervorheben will, nicht gerecht wird.

 

Warum haben Sie sich für das Format des Micro Monographs entschieden? Was hat Sie dazu bewegt, gerade dieses Format für Ihre Ideen zu wählen?

Geschichte und Geschichtsschreibung an sich sind eine unglaublich komplexe Tätigkeit und stellen diejenigen, die sie schreiben, vor sehr große theoretische Herausforderungen. Einen Ausschnitt zu nehmen, den Kern dieser Methode darzustellen und mit Vignetten zu illustrieren – das fand ich besonders reizvoll in dieser kleinen Form der Monographie. Auch in der Hoffnung, möglichst viele Studierende dazu einzuladen, diese herausfordernde, aber extrem wichtige Art der Geschichtsschreibung selbst zu praktizieren.

 

Wie sehen Sie die Entwicklung der Globalgeschichte in den kommenden Jahren? Was ist Ihrer Meinung nach die größte Herausforderung für künftige Forscher:innen in diesem Bereich?

Allein der Begriff der Globalisierung ruft automatisch den Vorwurf des Eurozentrismus hervor. Die größte Herausforderung für die Zukunft der Globalgeschichte im Allgemeinen und der Globalisierungsgeschichte im Besonderen ist, dass es uns gelingt, multiperspektivisch auf Prozesse zu schauen, die sich von unterschiedlichen Sichtweisen auch unterschiedlich darstellen. Wir müssen versuchen, diese Multiperspektivität zusammenzubringen und in einen Austausch zu bringen, ohne die Unterschiede zu schleifen. Da liegt viel Musik in diesem Vorhaben und hoffentlich auch unglaublich viele künftige Arbeiten von Historikerinnen und Historikern, die sich dem Thema zuwenden.

 

Angesichts Ihrer Rolle als Rektorin und Ihres vollen Terminkalenders: Haben Sie einen persönlichen Tipp oder eine bewährte Technik, die Sie Studierenden oder Promovierenden für das Schreiben eigener wissenschaftlicher Arbeiten empfehlen können?

Das Wichtigste ist, dass man wirklich das erforscht und beschreibt, wozu man selbst Material vor sich hat. Es ist nicht gut, reine Literaturarbeiten zu schreiben. Die eigentliche Forschungspersönlichkeit kann man nur dann entwickeln, wenn man am empirischen Material arbeitet. Ich bin eine große Anhängerin dessen, dass in der Geschichtswissenschaft das Quellenstudium Anfang und Ende sein muss. Die empirische Sättigung, das, was Menschen erlebt, erfahren, gefühlt, geschmeckt, gesehen, erlitten und vorangetrieben haben; das finde ich wirklich spannend. Und dem kann man sich mit dieser Methode auch in eigenen, überschaubaren und handelbaren Forschungsprojekten zuwenden, obwohl die Fragen ganz große sind.